Textilrecycling: Der Traum vom ewigen Leben(szyklus)

Was passiert mit einem Produkt, das seinen Zweck nicht mehr erfüllt? Darüber machen sich Unternehmen im „End-of-Life-Management“ Gedanken.

Wer heute im Produktdesign tätig ist, muss sich nicht nur mit dem Erschaffen eines Produkts beschäftigen, sondern auch mit seiner Beseitigung. Neues zu entwickeln heißt 2021 auch zu bedenken, was damit in ferner Zukunft geschieht: Was passiert mit der Jacke, wenn sie so zerschlissen ist, dass man sie nicht mehr tragen kann? Was mit dem Handy, das einfach nicht mehr angeht?

So ist das sogenannte End-of-Life-Management heute Teil vieler Produktmanagementprozesse der Industrie. Der Begriff kommt ursprünglich aus der IT, heute wird er auch für die Textilkette benutzt. Etabliert hat er sich vor allem durch die Diskussionen in der EU-Politik, die Kreislaufwirtschaft in den vergangenen Jahren immer mehr in den Fokus gesetzt haben. Hier geht es vor allem um die Frage, wie Textilien durch Recycling und Wiederverwertung im Kreislauf gehalten werden können. Das passiert nicht nur der Umwelt zuliebe, sondern hat auch wirtschaftliche Gründe: Ressourcen werden knapper, also muss mit vorhandenem Material gearbeitet werden.

Mehr Power durch die Politik

In den vergangenen Jahren hat die Weiterverwertung von Rohstoffen jenseits von Altpapier und dem Gelben Sack in der Öffentlichkeit enorm an Bedeutung gewonnen: So hat die EU das Kreislaufwirtschaftsgesetz angestoßen, das hierzulande diesen Sommer in Kraft trat. Sein Sinn und Zweck ist die Schonung der natürlichen Ressourcen sowie der Schutz von Mensch und Umwelt bei der Erzeugung und Erwirtschaftung von Abfällen. Sich um das Weiterleben von Produkten zu kümmern ist also nicht mehr nur noch „good will“, sondern gesetzliche Vorgabe.

Auch Fördergelder sollen den Prozess beschleunigen und machen Hoffnung. Denn die aktuelle Lage sieht nicht gut aus: Nach Angaben der europäischen Initiative Wardobe Change landen bis heute weltweit 73 Prozent aller Textilien auf Deponien oder in der Verbrennung. Um dem entgegenzuwirken, ist in der EU bis 2025 eine flächendeckende Sammlung von Textilien durch Herstellersysteme geplant, heißt: Es soll überall Tonnen geben, in denen Stoff gesammelt wird wie Altpapier.

Langer Kreislauf, gutes Geschäft

Alles weiterverwenden – was sich in der Theorie gut anhört, ist in der Praxis teilweise noch kniffelig. Eisen wieder einzuschmelzen mag kein Problem sein. Doch ein Kleidungsstück, das aus verschiedenen Materialien, Knöpfen, Fäden und vielleicht sogar einem Reißverschluss besteht, muss erst manuell auseinandergenommen werden. Das kostet Zeit und Geld. Eine große Hürde stellen auch Fasermischungen dar, die bislang oft noch gar nicht weiterverwendet werden können.

In anderen Branchen ist man unterdessen teilweise schon weiter. Das hängt auch mit dem Wert der Materialien zusammen. Ein Mobiltelefon zum Beispiel kann unter anderem etwa 250 Milligramm Silber, 24 Milligramm Gold und neun Gramm Kupfer enthalten, schreibt die Bundesregierung auf ihrer Webseite. Dass hier viele Interesse an der Weiterverwertung haben, ist klar.

Textile Materialien hingegen sind bis heute wenig wert – und ihr Recycling ist kostspielig. „So lange eine neue Polyesterfaser durch den Erdölpreis um ein Vielfaches günstiger ist als eine recycelte, wird es keine großen Veränderungen geben“, sagt Dr. Diana Wolf, verantwortlich für Projekte in der Forschung & Entwicklung im Bereich Produktion & Logistik bei MEWA. Trotzdem sieht sie Licht am Horizont: Aktuell gingen viele Schritte in die richtige Richtung. „Wir hoffen, dass wir in wenigen Jahren so viele Innovationen auf dem Markt haben, dass das Thema vollkommen selbstverständlich wird.“

Dr. Diana Wolf, verantwortlich für Projekte in der Forschung & Entwicklung im Bereich Produktion & Logistik bei MEWA.

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